Bei einigen Luzerner Unternehmen ist die künstliche Intelligenz (KI) bereits stärker integriert als bei anderen. «Sie ist ein fester Bestandteil unserer Unternehmensstrategie», sagt etwa Alain Barmettler, Leiter Marketing und Kommunikation bei der Renggli AG in Schötz. Bereits heute kommt KI beim Holzbau-Totalunternehmen in verschiedenen Bereichen zum Einsatz, etwa zur Unterstützung von Finanzprozessen oder administrativen Abläufen. «In mehreren Pilotprojekten prüfen wir aktuell weitere Einsatzmöglichkeiten entlang unserer Entwicklungs-, Planungs- und Administrationsprozesse», so Barmettler. «Unser Ziel ist klar: Wir wollen durch KI einen messbaren Nutzen schaffen – sei es in der Qualitätssicherung, der Effizienzsteigerung oder der Förderung von Innovationen.» Bei Stöckli Ski in Malters wird KI punktuell eingesetzt bei der Unterstützung von Textentwürfen, Übersetzungen, Content-Erstellung sowie Bildbearbeitung. Aber auch bei internen Prozessen: für Recherchen, Analysen und Dokumentationen. «Der Hauptvorteil liegt in der Effizienzsteigerung. KI hilft dabei, Informationen schneller aufzubereiten, erste Entwürfe und Ideen zu erstellen oder komplexe Inhalte zu strukturieren», erklärt Stephanie Matti vom Marketing. «Dadurch bleibt mehr Zeit für qualitative, kreative und strategische Tätigkeiten – also genau jene Bereiche, in denen menschliche Erfahrung, Urteilskraft und Handwerk entscheidend sind», sagt Matti.
Für KMU ist KI attraktiv, weil sich mit überschaubarem Aufwand spürbare Effizienzgewinne erzielen lassen.
Auch beim Luzerner Architekturbüro Lussi + Partner AG beschäftigen sich die Verantwortlichen mit KI. «Wir nutzen sie für die Textverarbeitung bei Projektbeschrieben für Wettbewerbe und Dokumentationen», sagt Büropartnerin Beatrice Maeder. «Momentan sind wir in Abklärung, inwieweit uns KI planerisch und zeichnerisch mittels spezieller Programme unterstützen könnte. Hierzu haben wir uns für einen Kurs bei der SIA, dem Ingenieur- und Architektenverein, angemeldet. Danach wird sich zeigen, ob wir zusätzliche Nutzungspotenziale sehen.»
Ein produktiver Sparringspartner
Clemente Minonne, Professor und Organisationsberater für digitale Arbeits- und Organisationspsychologie an der Hochschule Luzern – Wirtschaft (HSLU) mit eigener Beratungspraxis, beobachtet aktuell bei KMU vor allem im Human Resources Management, im Marketing, in der Kommunikation und im Vertrieb den Einsatz von KI. «Für KMU ist dieser Bereich attraktiv, weil sich mit überschaubarem Aufwand spürbare Effizienzgewinne erzielen lassen – etwa durch schnellere Content-Produktion oder bessere Entscheidungsgrundlagen», so Minonne. Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei wissensintensiven Dienstleistungsunternehmen wie Beratungen, IT-Dienstleistern, Bildungsinstitutionen oder Treuhandbüros. In diesen Organisationen unterstützt KI vor allem bei Recherche, Dokumentenanalyse, Angebotsvorbereitung, interner Wissensorganisation oder auch bei der Protokollierung. «KI ersetzt hier keine Expertise, sondern fungiert quasi als produktiver Sparringspartner, der Arbeitsprozesse beschleunigt.» Im Handel und im E-Commerce ist KI zudem zunehmend ein strategisches Instrument. KMU nutzen sie für Nachfrageprognosen, Lageroptimierung, Preisgestaltung oder personalisierte Kundenansprache.
Kunden schulen statt Schmollen
Im letzten Jahr hat sich die Entwicklung von KI-Tools stark beschleunigt. Übernehmen Unternehmen mehr grafische Arbeiten selbst, bedeutet dies weniger Aufträge für Werbeagenturen. «Die Tools sind zugänglicher und einfacher geworden. In der Praxis sehen wir aber auch, dass die Resultate nicht immer professionell wirken – insbesondere dort, wo Markenverständnis, gestalterische Erfahrung und ein klares visuelles Konzept fehlen», sagt Silvan Kaeser, Inhaber der Kreativ- und Werbeagentur Stadthirsch GmbH in Luzern. «In solchen Fällen besteht die Gefahr, dass die Marke verwässert. Wir arbeiten selbst intensiv mit KI – im Textbereich, in der Programmierung, bei Automatisationen sowie in der Bild- und Videoerstellung. Dabei sehen wir, dass die Zeitersparnis stark variiert: Teils sind bis zu 70 Prozent möglich, oft liegt sie aber eher bei 10 bis 20 Prozent.» Entscheidend ist für ihn, dass alles zur Marke passt und konsistent ist. «Gerade bei Bildern und Videos braucht es nach wie vor viel manuelle Nachbearbeitung, damit das Resultat wirklich professionell wirkt», so Kaeser. Das Übermass an KI-Angeboten und die teilweise Überforderung der Unternehmen sieht er auch bei seiner Werbeagentur als Chance. «Wir bieten unseren Kunden KI-Schulungen an, um ein realistisches Verständnis dafür zu schaffen, was möglich ist und was nicht. KI ist ein extrem mächtiges Werkzeug, teilweise fast ein Zauberkasten, sie wird aber auch oft überschätzt. Wenn wir mit KI arbeiten, dann immer mit dem Anspruch, dass man den Einsatz möglichst nicht sieht. Genau das bedeutet aber oft viel zusätzliche Arbeit.»
Strukturiert an das Thema herangehen
Gerade kleine und mittlere Unternehmen stehen häufig vor der Herausforderung, dass technisches Know-how und zeitliche Ressourcen begrenzt sind. Umso wichtiger ist gemäss HSLU-Professor Clemente Minonne ein strukturierter, aber auch pragmatischer Ansatz. «Der Einstieg sollte immer bei den eigenen Arbeitsrealitäten beginnen. Statt zu fragen: ‹Welche KI-Tools gibt es?›, ist die bessere Frage: ‹Welche Aufgaben binden bei uns viel Zeit, ohne dass sie hohe Wertschöpfung generieren?› Aus meiner eigenen Beratungspraxis weiss ich, dass es ein zentraler Erfolgsfaktor ist, klein und kontrolliert zu starten. Pilotprojekte in klar abgegrenzten Bereichen ermöglichen es, Erfahrungen zu sammeln, ohne grosse Risiken einzugehen. Parallel dazu sollte gezielt Kompetenz aufgebaut werden; dies jedoch nicht im Sinne von Programmierkenntnissen, sondern als Verständnis dafür, wie KI arbeitet, wo sie zuverlässig ist und wo nicht.» Auch bezüglich Arbeitsplatzentwicklung hat Minonne eine klare Meinung, denn nach ihm greifen die Medienberichterstattungen zu kurz. Entscheidend ist für ihn nicht, wie viele Jobs verschwinden oder entstehen, sondern wie sich die Arbeit verändert. «KI wird vor allem Tätigkeiten automatisieren, die stark standardisiert und regelbasiert sind. Gleichzeitig gewinnen Aufgaben an Bedeutung, die Kontextverständnis, Kommunikation, Urteilsvermögen, Kreativität, Empathie und Bewusstsein erfordern. In diesem Sinn verändert KI weniger den Arbeitsmarkt als die Anforderungen an uns Mitarbeitende. Weiterbildung, Lernbereitschaft und die Fähigkeit, mit digitalen Assistenzsystemen zu arbeiten, werden zentral», erklärt er. Als Arbeits- und Organisationspsychologe, Betriebswirt und Ingenieur sei ihm aber auch bewusst, dass die Einbindung der Mitarbeitenden von essenzieller Bedeutung ist. «KI wird dann akzeptiert, wenn sie als Unterstützung erlebt wird, nicht als Kontrollinstrument oder fachliche Bedrohung. Offene Kommunikation und Lernformate sind hier entscheidend», urteilt Minonne.
Die Rechtslage nicht ignorieren
Aber auch die Rechtslage darf nicht ausser Acht gelassen werden. Dazu sagt Minonne: «Aus rechtlicher Sicht ist vor allem wichtig, zu verstehen, dass der Einsatz von KI bestehende Pflichten nicht aufhebt. Datenschutz, Sorgfaltspflichten und Verantwortlichkeiten bleiben weiterhin bestehen», betont er. Im Fokus stünden dabei unter anderem personenbezogene Daten. Ein KMU sollte genau prüfen, welche Daten in KI-Systeme eingespeist und wo diese verarbeitet werden, erklärt er. Ebenso wichtig sei die Transparenz: Intern wie extern solle klar sein, wann KI eingesetzt werde und wofür. Schliesslich gewinnen auch Urheber- und Nutzungsrechte an Bedeutung, etwa bei KI-generierten Texten oder Bildern. Abschliessend fasst der Experte zusammen: «KI ist weder Heilsversprechen noch Bedrohung. Für KMU liegt ihr Potenzial dort, wo sie gezielt eingesetzt wird, um Geschäftsprozesse, Produkte oder Dienstleistungen zu verbessern oder zu innovieren, Mitarbeitende zu entlasten und Entscheidungen zu unterstützen. Entscheidend ist nicht die Technologie selbst, sondern die Art, wie Organisationen mit ihr umgehen.»